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Richard Sternfeld

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 BeitragVerfasst: Do 27. Dez 2012, 11:12   
Rennleitung

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Beiträge: 207
Ich habe mich eine zeitlang mit dem Journalisten Dr. Richard Sternfeld beschäftigt. Sternfeld ist allseits bekannt als Redakteur der Sport-Welt und Autor der Artikelserie „Von Patience bis Nereide“, dessen Nachdruck hoffentlich jeder Rennsportfan im Schrank stehen hat, und des Buches „Festa“, eine Hommage an Festa und ihre mehr als erfolgreichen Nachkommen im Gestüt Waldfried.
Neben dem Pferdemann Sternfeld existiert auch der Wissenschaftler Sternfeld. Sternfeld war Zoologe mit dem Fachgebiet Herpetologie (Amphibien und Reptilien) Über den Wissenschaftler habe ich sehr viel gefunden, fast alle seine Veröffentlichungen liegen digital vor. In zwei Lexika stehen Biographien. Auch seinen Rauswurf im Senckenberg Museum in Frankfurt ist dokumentiert.
Der Pferdemann Sternfeld ist im Netz aber nahezu unbekannt, seine Werke liegen nicht in digitaler Form vor. Ich habe gar keine Pferdebücher oder Rennsport Zeitschriften digitalisiert gefunden.
Das was ich zum Rennsport Journalisten gefunden habe möchte ich hier zur Diskussion stellen, mein Ziel ist es eine Gesamtbiographie Sternfeld zu erschließen, die beide Seiten Wissenschaftler und Vollblutfachmann mit einander vereint.


Hier Sternfelds Kurzbiographie
Richard Sternfeld geb. 8.2. 1884 in Bielefeld Tot 1.3. 1943 deportiert nach Auschwitz. Sternfeld war Jude
Vater Bernhard Sternfeld; Mutter Emilie Sternfeld geb. Blumenthal
Diese führten einen Leinen- und Wäschegeschäft und eine Stickerei Manufaktur in Bielefeld Breite Str. 20
3 Geschwister: Bruder Georg geb. 27.11.1880; Bruder Paul, Schwester Lisbeth

Nachdem Abitur am Realgymnasium in Bielefeld nahm Sternfeld 1903 ein Studium der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau auf, wechselte dann nach Bonn und von dort wieder zurück nach Freiburg i.B. Das Medizinstudium brach er ab und wechselte zu den Naturwissenschaften. Ende 1906 Promotion in Biologie in Freiburg
1907 bis Oktober 1914 in Berlin am Zoologischen Museum, heute Naturkundemuseum, als Herpetologe tätig
November 1914 bis 1920 Senckenberg Museum Frankfurt a.M. als Leiter der Abteilung Herpetologie. Kriegsteilnehmer erst sehr spät 1917 / 18 in Mazedonien, zum Schluß bei der militärischen Forstverwaltung Bialowies an der heutigen polnischen Ostgrenze.

Nach der Entlassung in Frankfurt 1920 wahrscheinlich als freier Journalist tätig, ab 1923 sicher bei der Sport-Welt in Berlin angestellt. Diese Stelle behielt er bis zum Berufsverbot ? 1937. Danach war er noch einige Zeit freiberuflich tätig.
In den Jahren 1941 – 1943 Zwangsarbeit bei der Berliner Firma Ehrich und Graetz und Erlich. Im Januar 1943 Deportation nach Auschwitz.

Sämtliche Daten und Schriften sind belegt, wer Quellen wissen möchte schreibt bitte eine PN.
Im Weiteren geht es nur um den Rennsportjournalisten Sternfeld.

abisira


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 BeitragVerfasst: Do 27. Dez 2012, 11:21   
Rennleitung

Registriert: Di 2. Nov 2010, 11:12
Beiträge: 207
Der Vollblutfachmann Sternfeld taucht für mich das erstmal bei einem Vortrag im Senckenberg Museum auf.
Im 46. Bericht der Senckenberg Gesellschaft wird von den Lehrtätigkeiten berichtet
Dr. Richard Sternfeld hielt am 28. 11. 1914 im Rahmen der 3. wissenschaftlichen Sitzung einen Bericht über die deutsche Vollblutzucht. S. 105 u. s. 106
Für mich liest sich das, wie ein Programm Sternfelds dem ich in seiner späteren Tätigkeit immer wieder begegnet bin.

Hier die veröffentlichte Zusammenfassung des Vortrags
Dr. R. Sternfeld „Deutsche Vollblutzucht
Durch eine jahrhundertelange Zucht nach Rennleistung, eine Art Nachahmung des Daseinskampfes durch den menschlichen Züchter, ist das heutige Vollblutpferd entstanden, ein Pferd was an Leistungsfähigkeit wie an Schönheit alle seine verwandten übertrifft. Seine Bedeutung beruht auf der Notwendigkeit einer leistungsfähigen Landespferdezucht, die nur durch ständige Veredlung mit Hilfe des Vollbluts auf der Höhe gehalten werden kann.
Eine wirklich deutsche Vollblutzucht besteht bisher nicht. Das deutsche Vollblut ist als Rennpferd dem englischen und französischem nicht gewachsen, und die deutschen Züchter sahen sich daher gezwungen, immer wieder auf ausländisches Zuchtmaterial zurückzugreifen. Dieser Zustand ist aber auf die Dauer unhaltbar, da die Preise für gutes ausländisches Zuchtmaterial enorm hoch sind und die deutsche Zucht so mit niemals auf eine gesunde wirtschaftliche Grundlage kommen kann, so lange sie nicht vom Ausland unabhängig ist.
Die deutsche Vollblutzucht ist zu dem durch zweifelhafte Theorien, die den Züchter von der Richtschnur der reinen Leistungsprüfung abzulenken suchten, keineswegs gefördert worden. Dazu gehört in erster Linie das vollkommen verfehlte „Zahlensystem“ des Australiers Bruce Lowe, ferner irrige Ansichten über den Wert und Unwert der Inzucht, so wie schließlich Übertreibungen in der Zucht nach „Exterieur“.
Gleichwohl kann der deutschen Zucht geholfen werden. Die Vorzüge des englischen Rennpferdes gegenüber dem deutschen beruhen lediglich auf den günstigeren Aufzuchtbedingungen, die das mildere Klima Großbritanniens gewährt. Der verhältnismäßig lange und strenge deutsche Winter raubt de jungen Vollblütern monatelang den fördernden Weidegang und selbst die notwendige Bewegung im Freien. Die Vorzüge des englischen Vollblutes beruhen demnach lediglich auf im Leben erworbenen Eigenschaften, deren Erblichkeit höchst zweifelhaft ist. Die Statistiken über die Leistungen der deutschen Vatertiere zeigt denn auch, dass die besten Inländer in der Zucht den Besten importierten ausländischen Hengsten, trotz derer höherer Rennklasse, zum mindestens ebenbürtig, zweitklassigen Ausländern sogar weit überlegen sind. Diese Tatsache hebt den Unterschied zwischen inländischen und ausländischen Zuchtmaterial auf. Sie befreit den Züchter von der Notwendigkeit, stets wieder Riesenpreise für ausländische Zuchttiere zu zahlen und macht so mit die deutsche Vollblutzucht endlich selbstständig, ja sie ermöglicht so erst die Schaffung einer wirklichen deutschen Zucht.

Zu diesem Zeitpunkt kann Sternfeld kein Frischling in der Rennsportszene gewesen sein, dafür sind die Aussagen zu fundiert. Es wird durchaus deutlich, dass er sich mit der Materie schon stark beschäftigt hat. Hat jemand Kenntnis davon, dass Sternfeld schon vor diesem Zeitpunkt Artikel in Rennsportzeitungen geschrieben hat, oder wird er irgendwo mal erwähnt z.B. als interessierter Rennplatzbesucher ?
Bin für jeden Tipp dankbar, der „Frühe Sternfeld“ ist mir nahezu unbekannt.

abisira


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 BeitragVerfasst: Do 27. Dez 2012, 11:32   
Rennleitung

Registriert: Fr 24. Aug 2012, 15:31
Beiträge: 201
Das ist sehr Interessant. Da hat sich jemand früh detaillierte Kenntnisse über die Vollblutzucht
erworben und seine eigenen (richtigen) Schlüsse gezogen.
Ich werde mich gerne an der Suche nach weiteren Informationen über Sternfeld beteiligen.


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 BeitragVerfasst: Fr 28. Dez 2012, 21:47   
Rennleitung

Registriert: Fr 28. Jan 2011, 08:26
Beiträge: 239
Sternfeld wird im Jubiläumsbuch der Sport-Welt erwähnt und ist auch abgebildet. Er muß ein scharfsinniger Hochkaräter gewesen sein.


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 BeitragVerfasst: Sa 29. Dez 2012, 20:31   
Rennleitung

Registriert: Di 2. Nov 2010, 11:12
Beiträge: 207
@goodwood
Sternfeld war ein Hochkaräter.

Damit das mal ein wenig deutlicher wird gehe ich ein wenig mehr auf meine vier Sternfeldschen Hauptthesen von 1914 ein.Neben diesen 4 treten später noch ein zwei weitere Schwerpunkte hinzu.
Hier meine vier Sternfeldschen Hauptthesen 1914

1. Es besteht noch gar keine deutsche Vollblutzucht
2. Das Zahlensystem von Bruce Lowe ist voll kommen unqualifiziert und verfehlt
3. es herrschen irrige Ansichten über den Nutzen und Schaden der Inzucht
4. die Übertreibung der Zucht nach Exterieur schadet der Zucht erheblich


Wie sehr Sternfeld These Eins „ Es besteht noch keine deutsche Vollblutzucht“ beschäftigt geht daraus hervor, dass er noch im Abschlußbericht der Artikelserie „von Patience bis Nereide“ 1937 als absolut letzten Satz schreibt
„Es gilt etwas zuschaffen, das bisher noch nicht da war, etwas, das heute nur vor unserem geistigen Auge steht: Das deutsche Vollblutpferd
Für ihn war also immer noch kein eigenständiges deutsches Vollblutpferd entstanden, trotz der Erfolge eines Oleanders oder einer Nereide.
Würde Sternfeld wohl heute sagen ein deutsches Vollblutpferd besteht?

Für die 2. These „Das Zahlensystem von Bruce Lowe ist voll kommen unqualifiziert und verfehlt“ möchte ich etwas mehr ausholen.
Das Zahlensystem von Bruce Lowe teilt die vorhandenen Familien in so genannte Running-, Sire- oder Outcross-Familien ein.
Running-Familien waren die Familien die in einer bestimmten Zeitspanne die meisten klassischen Sieger hervorgebracht haben, Sire-Familien haben sich über die Hengste die in klassischen Rennen siegten, weiter vererbt, outcross hatte weder Running noch Sire Blut, war aber gelegentlich doch erfolgreich.
Lowe bildete bestimmte Quotienten die eine erfolgreiche Zucht bewerkstelligten sollten.
Falls ich das hier nicht ganz richtig beschrieben haben sollte, bin ich für eine Korrektur wirklich dankbar, so ganz bin ich nämlich nicht dahinter gekommen was Lowe so genau gemeint hat.
Es gab ganze Abhandlungen zu seiner Theorie. Im Jahr 1902 wurde die ganze Rennsaison von Dr. Friedrich Wilhelm Dünkelberg mit Hilfe der Bruce Lowe Theorie so ausgewertet. Die Zeitschrift „unsere Pferde“ Sammlung zwangsloser hippologischer Abhandlungen 25. Heft. Widmete ein ganzes Heft dieser Auswertung „Aus der renncampagne des Jahres 1902“ Auf der Grundlage der Zuchtwahl bearbeitet von Dr. Friedr. Wilh. Dünkelberg. Dünkelberg war zu dieser Zeit einer der führenden Professoren der Landwirtschaftlichen Hochschule in Bonn.
Schon B. von Oettingen lehnt das System 1908 in „Die Zucht des Edlen Pferdes in Theorie und Praxis“ ab. Es war aber immer noch ein Thema.
Ich habe keine Erwiderung oder Widerlegung von Sternfeld zu Theorie von Bruce Lowe gefunden. Ich kann mir aber gut vorstellen, das Sternfeld als Verfechter der reinen Leistungsprüfung als Zuchtauswahl, bei berechneten Quotienten zur Zuchtauswahl sehr den Kopf geschüttelt hat.

Für die 3. These „es herrschen irrige Ansichten über den Nutzen und Schaden der Inzucht“ gibt es dagegen Schriften Sternfeld.
Auch hier muss man wissen, die so genanten freien Generationen und welche Inzucht auf welches Tier wurde intensiv ausgewertet.
Von Oettingen hat in seinem Hauptwerk „Die Zucht des edlen Pferdes .. “ 60 Seiten der Inzucht gewidmet mit seitenlangen Tabellen welche Stute und welche Hengste wie viele freie Generationen haben.
In der Zeitschrift „Zeitschrift für Gestütskunde“ Heft 8 August 1919 S. 117 bis 124 veröffentlicht Sternfeld den bemerkenswerten Artikel „Die Inzucht und ihre Bedeutung für die Vollblutzucht“.
In diesem widerlegt er die Thesen der „Inzucht-Fanatiker“ mit zoologischen / verbungstechnischen Details. Darüber hinaus wird er auch sehr direkt in seiner Sprache z.B. „Dieser Schluß hat leider einen kleinen Fehler; er ist nämlich total falsch.“
„Die mäßigen und schlechten Vollblüter sind tatsächlich, was den Grad der Inzucht angeht, genauso gezogen wie die Derbysieger von Epsom“
Er greift auch weiter den „eifrigsten Vorkämpfer zugunsten der Inzucht als Zuchtfaktor“ Dr. de Chapeaurouge direkt an und verteidigt die Sternfeldes Theorie das Inzucht keine große Rolle für den Rennerfolg eines Pferdes spielt.
Leider liegt der ganze Artikel nicht digitalisiert vor und zum Abschrieben ist er einwenig zu lang.
Die Auseinandersetzung zweier Kontrahenten in einem Zeitungsartikel scheint früher sehr üblich gewesen zu sein. Ein zweites Beispiel für so einen Diskurs findet man in der Zeitschrift „Vollblut“ (leider kenne ich nicht den Jahrgang) und geht wieder um die Inzuchtfrage. Im Artikel von Dr. H. Ohm „Die Zuchtleistungen von Nuage und Dark Ronald unterbesonderer Berücksichtigung der Inzuchtfrage“ setzt sich Ohm zunächst einmal mit Sternfelds Kritik an seinem, Ohms, vorherigen Artikel über Nuage auseinander und beginnt erst danach mit der Analyse Dark Ronalds.
Sternfelds „Nette Antwort“ in der gleichen Ausgabe im Anschluss an dem vor genannten Artikel „Es ist keinem Zweifel unterliegen, dass Herr Dr. Ohm , mit der vorstehenden Artikel wieder einen ungemein wertvollen Beitrag zur Inzuchtfrage geliefert hat.“ Später dann „Für ganz besonders wertvoll und lehrreich halte ich den am Schlusse seier Arbeit von Dr. Ohm unternommende Versuch, an Hand eines Ausgleiches zu einem präzisen Vergleichs der Zuchtleistungen von Dark Ronald und Nuage zu kommen. Hier betritt er einen ganz neuen Weg zum Vergleich der sonst so schwer messbaren Zuchtleistungen, einen Weg, der mir ungemein aussichtsvoll erscheint“. Sternfeld teilt Ohm also ganz nett mit, toll deine Arbeit zur Inzuchtfrage aber dein Vorgehen über die Ausgleiche ist der bessere Weg, weiter so, da geht’s lang.

Zur 4. Thesen bein nächsten mal mehr

abisira


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 BeitragVerfasst: Sa 29. Dez 2012, 23:35   
Rennleitung

Registriert: Sa 6. Nov 2010, 23:42
Beiträge: 1287
Zitat:
Die Auseinandersetzung zweier Kontrahenten in einem Zeitungsartikel scheint früher sehr üblich gewesen zu sein. Ein zweites Beispiel für so einen Diskurs findet man in der Zeitschrift „Vollblut“ (leider kenne ich nicht den Jahrgang) und geht wieder um die Inzuchtfrage. Im Artikel von Dr. H. Ohm „Die Zuchtleistungen von Nuage und Dark Ronald unterbesonderer Berücksichtigung der Inzuchtfrage“ setzt sich Ohm zunächst einmal mit Sternfelds Kritik an seinem, Ohms, vorherigen Artikel über Nuage auseinander und beginnt erst danach mit der Analyse Dark Ronalds.
Sternfelds „Nette Antwort“ in der gleichen Ausgabe im Anschluss an dem vor genannten Artikel „Es ist keinem Zweifel unterliegen, dass Herr Dr. Ohm , mit der vorstehenden Artikel wieder einen ungemein wertvollen Beitrag zur Inzuchtfrage geliefert hat.“ Später dann „Für ganz besonders wertvoll und lehrreich halte ich den am Schlusse seier Arbeit von Dr. Ohm unternommende Versuch, an Hand eines Ausgleiches zu einem präzisen Vergleichs der Zuchtleistungen von Dark Ronald und Nuage zu kommen. Hier betritt er einen ganz neuen Weg zum Vergleich der sonst so schwer messbaren Zuchtleistungen, einen Weg, der mir ungemein aussichtsvoll erscheint“.


Das "Streitgespräch" zwischen Ohm und Sternfeld zieht sich über mehrere Hefte des Jahrgangs 1922 der damaligen "Vollblut" aus dem August-Reher-Verlag, Berlin. Es beginnt in Heft 2 vom Juli 1922 und setzt sich im Heft 3 (Oktober 1922) fort.

Mir liegen 3 Jahrgänge dieser "Vollblut"-Hefte vor (1920 - 1922 = Bände III bis V, somit diese Zeitschrift 1918 gegründet) und finde es erstaunlich, welchen hippologischen Wert die Artikel dieser Zeitschrift damals hatten. Davon kann die heutige "Vollblut" nur träumen. OK, die Autoren waren damals nicht nur Schreiberlinge der verlaut-vorwitzigen Art, sondern ausgebildete Wissenschaftler in einer Zeit, da deutsche Wissenschaft noch führend in der Welt war.
Natürlich sind manche Thesen, die damals (mit Eifer, aber auch wissenschaftlicher Akribie) vertreten wurden, durch Erkenntnisse aus den letzten 90 Jahren nicht mehr "en vogue" und "state of the art" (dennoch immer wieder Reste davon in zeitgenössischen Fachgesprächen erkennbar - der sog. "Praktiker" der Gegenwart lernt nur sehr zeitverzögert, ist konservativ in seinen Überzeugungen verhaftet und hängt somit der "Theorie" bzw. dem aktuellen Erkenntnisstand für gewöhnlich erheblich nach, womit er sich freiwillig einen Wettbewerbsnachteil schafft). Kulturhistorisch dennoch beachtenswert, interessant und manchmal sehr amüsant.

Dr. Sternfeld firmiert ab 1922 als Herausgeber dieser "Vollblut"; bis Heft 1/1921 war das Friedrich Becker, der 1922 nicht mehr in der "Vollblut" schreibt.

Bemerkenswert, dass Dr. Ohm bereits 1922 Handicap-Marken von Nachkommen als Zuchtwert-Merkmal verwendet - ein Ansatz, der m. W. in GER erst Mitte der 1980er Jahre durch Chr. Bodenstedt wieder aufgegriffen wurde.

Dabei darf man natürlich nicht unterschlagen, dass Dr. Sternfeld in seiner "Patience - Nereide" Jahrgangsvergleiche und Zuchtfortschritte in der dt. Vollblutzucht ebenfalls anhand von Handicap-Marken misst und dieses Verfahren später von Rudolfi und Schmanns bis in unsere Tage fortgeführt wurde. Das ist fast einzigartig im internationalen Vollblutsport. Vergleichbares gibt es m. W. nur durch Phil Bulls Timeform-Einschätzungen, die ebenfalls bis zum Beginn des 20. Jhr. zurückgerechnet wurden.


@abisira: Detaillierteres erhälst Du wie vereinbart in den kommenden Tagen.


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 BeitragVerfasst: Do 3. Jan 2013, 11:01   
Rennleitung

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Beiträge: 207
hier geht`s weiter
Sternfelds 4. These Die Übertreibung der Zucht nach Exterieur schadet der Zucht erheblich

Sternfeld ist ein Verfechter der Zucht nach erbrachter Leistung. Kleinere Mängel im Exterieur stören in dabei überhaupt nicht, solange Leistung und Härte gezeigt wird.
In seinen Grundsätzen erkennt Sternfeld theoretisch an, dass die Vollblutzucht kein Selbstzweck ist sondern der Verbesserung der Landespferdezucht dient. In seinen praktischen Ausführungen übersieht er dises aber ein wenig. Landespferdezucht war immer auch Exterieurzucht. In den 1920er Jahren kam gerade mal wieder eine „Vermessungswelle“ von Pferden auf. Durch die Messungen und daraus berechneter Quotienten / Indices wollte man das ideale Pferd schaffen. 1922 erschien dazu z.B. J.U. Duerst „Pferdebeurteilung“ in dem sich ausführlich mit den Messungen und Indices beschäftigt wird. Duerst war aber nur einer von vielen, schon in den 1880ern wurden Messungen angestellt und auch später noch in den 50ern und 60ern.
Der preußische Oberlandstallmeister von Oettingen war ein Anhänger von Messungen und der Zucht nach Exterieur, er führte Beurteilungsbögen mit Kurzzeichen ein. Von Oettingen stellte das Ziel Korrektheit im Exterieur über alles andere und kam damit mit jedem Vollblutmann in Konflikt. Siegfried Lehndorff durfte deswegen z.B. von Graditz nach Trakehnen wechseln.
Sternfelds Schimpfen auf die reine Exterieurzucht ist also gut zu verstehen.
Hier ein kleine Kostprobe davon „ Dieser großartige Hengst (gemeint ist Vollmond) ist nur deswegen völlig vernachlässigt worden weil er ------ n i c h t g a n z k o r r e k t war !. Man fragt sich erstaunt, ob denn die ganze Leistungsprüfung eigentlich Mumpitz ist, wenn ein Pferd von Vollmonds Klasse wegen eines angeblich nicht ganz korrekten Sprunggelenks, ohne das überhaupt nur festgestellt wurde, ob sich dieser Fehler denn vererbt, als zur Zucht untauglich bezeichnet wird. Aber es ist eine Tatsachen; Vollmond ist aus solchem Grund gar nicht für die Vollblutzucht verwandt worden.“ Zeitschrift für Gestütkunde Heft 12 Dezember 1919 in „Der Untergang der inländischen Hengstlinien“

Damit sind wir bei einem weiteren Schwerpunktthemas Sternfelds, die Verwendung inländisch gezogener Hengste gegenüber im Ausland gekauften. Zur deutschen Vollblutzucht gehörte für ihn die Verwendung inländischer Hengste, Inländer waren in Deutschland gezogene, hier aufgewachsene und geprüfte Pferde. Die Abstammung musste nicht lupenrein, also über mehrere Generationen deutsch sein. In ärgerte total, dass vor allem in England Hengste 2. und 3.Leistungsklasse für teures Geld angekauft wurden und in Deutschland gezogene 1. Klasse nicht genügend Stuten bekamen um ihren Wert u zeigen.

Ich versuche mal 2 Texte als Pdf hier einzustellen, damit ihr die Originaltexte lesen könnt. Im Moment sind die Dateien leider noch zu groß, mal sehen heute abend geht es vielleicht weiter.
abisira


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 BeitragVerfasst: Do 3. Jan 2013, 13:06   
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Zu den Zeitzeugen der damaligen Graditzer / Altefeld / Römerhof Oberlandstallmeister....Siegfried von Lehndorff....Burchard von Oettingen...und Großcurth gehörten hauptsächlich die renommierten
Journalisten der Sportwelt...Franz Wohl...Martin Beckmann....neben Dr.
Richard Sternfeld. Ebenso die englischen Trainer R. Day und W.Spademan.


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 BeitragVerfasst: Do 3. Jan 2013, 16:38   
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Inzucht 3.pdf
Dateianhang:
Inzucht 2.pdf
Dateianhang:
Inzucht 1.pdf

Hier der Artikel " Die Inzucht und ihre Bedeutung für die Vollblutzucht" aufgeteilt in 4 Teile, die Dateigröße von 256 kB ist doch ein wenig sehr klein. Und es gehen nur 3 Dateien, der Teil 4 also im nächsten Posting

abisira


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 BeitragVerfasst: Do 3. Jan 2013, 16:40   
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Inzucht 4.pdf


Ich habe es getestet es funktioniert

hier der 4.Teil

abisira


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 BeitragVerfasst: Do 3. Jan 2013, 16:44   
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Dateianhang:
Untergang Inländer I.pdf
Dateianhang:
Untergang Inländer II.pdf
Dateianhang:
Untergang Inländer III.pdf
und weil es so schön ist hier noch der Artikel "Der Untergang der inländischen Hengstlinien
auch wieder in 4 Teilen

abisira


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 BeitragVerfasst: Do 3. Jan 2013, 16:45   
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Dateianhang:
Untergang Inländer IV.pdf

hier der 4. Teil von der Untergang der inländischen Hengstlinien
Ich hoffe nach dem Lesen der Artikel geht jetzt besser hervor, was ich weiter obenausgeführt habe

abisira


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 BeitragVerfasst: Do 3. Jan 2013, 18:28   
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Beiträge: 4960
Wohnort: Rheinprovinz/Preußen
Besten Dank fürs einstellen. Werde ich mir mal in Ruhe zu Gemüte führen.

v. Blücher


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 BeitragVerfasst: Do 3. Jan 2013, 22:55   
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Beiträge: 2289
Vielen Dank.

Erstaunlich, wie aktuell beide Themen eigentlich immer noch sind.


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 BeitragVerfasst: Do 3. Jan 2013, 23:48   
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Beiträge: 1470
Wohnort: Schönste Stadt am Rhein
...abisira..danke ! Lektüre für´s Weekend...


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